10 Gründe warum ich «Comedian» von Maurizio Cattelan für ein grossartiges Kunstwerk halte

Oder: Lesen sie diesen Text und eignen sie sich so innert Minuten ein Grundwissen über zeitgenössische Kunst an.

Von Silas Kreienbühl

Lesezeit: 5 Minuten

1. Die Natur als Ideal
Nach eigenen Angaben hat Catellan lange an einer Bananenskulptur gearbeitet. Als Möglichkeit sah er verschiedene Materialen. Bronze, bemalte Bronze oder auch Harz. Zum Schluss kam er zurück auf das Original, die echte Banane. Statt eines Stellvertreters, einer Imitation, konfrontiert er uns mit der Frucht selber. Er sagt uns damit, er könne daraus kein besseres Werk machen, als es die Natur bereits liefert. Es zeigt Achtung und Ehrfurcht vor ihr.

2. Aus dem Alltag heraus
Um an diesem Werk zu arbeiten, es weiterzudenken und die Banane als Objekt zu studieren, hat sich Catellan jeweils eine Banane mitgebracht und in seinem Hotelzimmer an die Wand gehängt. Gut vorstellbar, dass dies bereits genauso oder ähnlich ausgesehen hat, wie jetzt das fertige Werk. Es ist ein total spannender Prozess, das Muster an der Wand plötzlich als Objekt wahrzunehmen und zu erkennen, alles ist bereits gesagt. Der Künstler kehrt inmitten aller Überlegungen zurück an den Anfang und zu dem, was einfach da ist. Es gab nichts zu suchen, es war von Beginn an alles da.

3. Es ist ein «Catellan»
Kennt man die Biografie und die Werke Maurizio Catellans, so passt diese Arbeit sehr schön und ist eine konsequente Fortsetzung seines Werkes. Da wäre zum Beispiel der Humor zu nennen, der allgegenwärtig ist. Oder das Hinterfragen von etablierten Institutionen (z.b. «Die neunte Stunde», Papst der von Meteorit getroffen wird), Konzepten (z.B. «Not Afraid of Love», Elefant, der sich unter einem Tuch als Gespenst zu verkleiden versucht) und Verhaltensweisen (z.B. «L.O.V.E.», Stinkefinger aus Marmor vor der Börse in Mailand, 2010). Oder gesellschaftskritische Ansätze wie bei «America», einer benutzbaren Toilette aus 18-karätigem Gold und einem geschätzten Wert von bis zu 6 Millionen Franken. Viele Werke haben gemeinsam, vor den Kopf zu stossen, zu empören oder zumindest zum Nachdenken anzuregen (z.B. «Him», eine lebensechte Hitlerfigur, betend auf den Knien). 

Für mich passt das aktuelle Werk auch sehr schön zu der ihm nachgesagten Angst, die er vor Ausstellungen haben soll. So sollen bei einer seiner ersten Ausstellungen die Besucher zur Stunde der Vernissage vor verschlossener Türe gestanden haben. Lediglich ein zu einem Seil geknotetes Bettlaken, aus dem Fenster des oberen Stockwerkes hängend, war zu sehen. Ein anderes Mal war die Verzweiflung so gross, dass er in der Nacht vor der Ausstellung in der benachbarten Galerie eingebrochen ist und alles 1:1 in seinem Raum wieder aufgebaut und als seine eigene Ausstellung präsentiert hat. Insofern könnte man die Banane mit Klebeband auch so lesen: Mit allen Überlegungen, Entwürfen und Möglichkeiten für sein Werk war er bis zum Ausstellungsbeginn nicht zufrieden. Unter Druck macht er das nächst Beste und was in kurzer Zeit noch möglich ist. Er nimmt eine echte Banane, schnappt sich das erste, was ihm in die Hände fällt, nämlich Klebeband, und voilà, ein Werk. Bestimmt steckt ganz viel mehr hinter dieser Arbeit, aber sie vermittelt in der Formensprache diesen Eindruck. 

So oder so, es trägt die vertraute Handschrift Cattelans.

4. Es regt zum Nachdenken an und provoziert
Kunst braucht ein Nachhallen in der Gesellschaft, einen Ressonanzraum, um Wirkung zu erzielen. Und ich finde es schön, wenn ihr in dieser Form ein Sinn, ein Nutzen zukommt. Man könnte auch sagen, erst durch einen Betrachter ist ein Kunstwerk vollständig. Hierbei handelt sich um ein Kunstwerk, welches in sekundenschnelle erfasst werden kann. Es ist sehr gut abbildbar und kann sich problemlos und schnell über die neuen Medien verbreiten. In diesen wird es geradezu heftig und prominent diskutiert. Das sind also jede Menge Rezipienten (Empfänger einer Botschaft), jede Menge Reibung und Auseinandersetzung. Dem Grossteil der landauf landab ausgestellten Kunst, aber vielem Anderen was auf unserer Welt geschieht auch, wäre dies zu wünschen. 

5. Ein grossartiges Readymade
Readymade oder auch «Objet trouvé» meint ein vorgefundenes Objekt, an dem keine oder kaum Bearbeitungen vorgenommen wurden, ein Gegenstand also, der vom Künstler lediglich präsentiert und für Kunst erklärt wird. Dies hat bereits eine lange Tradition, eine reiche Geschichte und ist ein elementarer Teil der zeitgenössischen Kunst. Nicht unumstrittener Urheber eines Schlüsselwerkes ist der Künstler Marcel Duchamp, der mit «Fountain» (1917) ein handelsübliches, seiner Funktion beraubtes und signiertes Pissoir ausgestellt hat. Dieser Akt ist aus heutiger Sicht richtungsmässig der Konzeptkunst zuzuordnen und betrachtet, ganz einfach ausgedrückt, den Gedanken für die Bedeutung eines Kunstwerkes als vorrangig. Ich liebe Konzeptkunst und ordne meine eigenen Arbeit mit dem grössten Vergnügen in dieser Tradition ein. Ich finde es entzückend, mit dem zu arbeiten, was einfach so da ist. Zu entdecken, zu beobachten, zu sammeln und die eigene Wahrnehmung zu schulen und zu verändern.

Eine an die Wand geklebte Banane von Maurizio Cattelan erfreut mich im Innersten und zaubert mir ein Schmunzeln ins Gesicht. In seiner Gesamtheit verkörpert dieses Werk aus meiner Sicht ein wirklich sehr gutes Readymade und damit alles, wofür ein Werk dieser Kunstrichtung stehen und was es auslösen kann. 

6. Pierro Manzoni freut sich im Grab
Wie den meisten Menschen, die ich kenne, dürfte ihnen der Name Pierro Manzoni völlig unbekannt sein. Machen sie sich nichts daraus. Ich finde jedoch, es lohnt sich ihn kennenzulernen. Manzoni ist klar in die Konzeptkunst und in die Tradition von Duchamp und Readymade einzuordnen. Er ist leider bereits mit 30 Jahren verstorben, hat uns aber grossartige Kunstwerke hinterlassen. Eines der allerbesten Kunstwerke die ich kenne ist «Socle du Monde», ein auf dem Kopf im Gras liegender Sockel mit selbiger Anschrift, natürlich ebenfalls verkehrt herum. Die Arbeit darf nur so, unter freiem Himmel und verkehrt herum im Gras liegend gezeigt werden. Manzoni hebt so die ganze Erdkugel auf den Sockel, erhebt beinahe unsere gesamte Umwelt zur Kunst. Es ist dem was ist, nichts hinzufügen. Nur gebührendes Kontemplieren bleibt uns noch. Später ist Manzoni unter anderem dazu übergegangen, Menschen zu signieren. Zusätzlich ausgestattet mit einem Zertifikat, erklärte er diese Personen zum Kunstwerk. Zwei wunderschöne Beispiele für ultimative Readymades.

An einer ganz gewöhnlichen Banane mit Klebeband, die soviel Aufmerksamkeit, auch in finanzieller Form erhält, dürfte er seine wahre Freude gehabt haben – dieser fantastische Ausnahmekünstler Manzoni.


7. Es ist so einfach, wie es nur sein kann
Es sind Variationen denkbar, wie es auch noch so einfach hätte sein können. Genagelt oder geklebt beispielsweise. Doch viel simpler ist kaum möglich. Und das mag ich sehr an dieser Arbeit. Ohne Schnick-Schnack ist sie auf den Punkt gebracht. Bildlich gesprochen: gleich einer Skulptur, im ursprünglichen Sinn des Begriffs (Eine Skulptur meint im Gegensatz zur Plastik das Abtragen von Material), ist nur noch da, was für die Aussage und das Werk wirklich notwendig ist. Es liegt Schönheit in dieser Fokussierung, dieser Reinheit. Und sie ist ein schöner Kontrast zu den oftmals sehr aufwändigen Arbeiten Cattelans. Schliesslich handelt es sich bei diesem Kunstwerk quasi nur um eine Idee. 

8. Es erhebt das Spielerische zum Ideal
Was gibt es Schöneres, als etwas was spielerisch, leicht und nach Spass aussieht? Es sagt uns: Es muss nicht immer alles so ernst, geplant und schwer sein. Mir ist sehr wohl bewusst, das Simple, Spielerische oder Kindliche provoziert oft eher und wird gerne mit Worten wie «Das kann ich auch» oder «Das kann meine 5-jährige auch» einer genaueren Betrachtung entzogen. Ich sehe es genau umgekehrt. Wie toll, dass etwas leicht sein darf. Wie toll, dass eine gute Idee soviel bewirken kann. Es ist für jede und jeden von uns eine gute Nachricht, wenn das Aussergewöhnliche im ganz Einfachen liegen kann.

Das gibt einerseits Hoffnung, eröffnet Möglichkeiten und ist ermächtigend. Andererseits ist es sehr befriedigend, im Kleinen, Einfachen und Alltäglichen Bedeutung zu sehen oder ihm Bedeutung zuzusprechen. Probieren Sie es aus.

9. Es spiegelt den Kunstmarkt wieder, aber auch unsere Gesellschaft
Das jemand bereit ist für ein Werk Cattelans 120’000.– US-Dollar oder mehr zu bezahlen, auch wenn es sich nur um eine Banane und Klebeband handelt, ist, wenn man mit dem zeitgenössischen Kunstmarkt und mit Cattelans Werk vertraut ist, nicht erstaunlich. Schliesslich erzielen seine Werke an Auktionen problemlos siebenstellige Beträge. Und wenn ein Werk zusätzlich noch soviel Aufmerksamkeit erhält, bekommt der zukünftige Besitzer genau wonach er sucht. Ein vielbeachtetes und interessantes Werk, eines sehr begehrten, zeitgenössischen Künstlers, in höchster Qualität. Nach heutigem Massstab ist dies vergleichsweise eine sehr kleine Summe. Was nicht heissen soll, diese Entwicklung des Kunstmarktes sei nicht kritisch zu hinterfragen oder könne nicht als absurd bezeichnet werden. Es sei aber allen, die sich beispielsweise auf Twitter und anderswo fragen: «Welcher Depp bezahlt 120’000.– für eine an die Wand geklebte Banane?» gesagt, die hier wahrgenommene Absurdität ist eigentlich in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Wer bereit ist für eine Markenpullover EUR 120.– zu bezahlen, der den Hersteller EUR 5.- gekostet hat, tut im Kleinen genau dasselbe. Und als Gesellschaft tun wir genau dies, wenn wir jemandem mehr als königlich dafür entlohnen, dass er professionell ein Kinderspiel spielt und einem Ball hinterher rennt.

Also, empören sie sich gerne darüber, denken sie gründlich darüber nach, aber seien sie dann auch ehrlich und ziehen sie ihre persönlichen Konsequenzen daraus. Grossartig, wenn ein Kunstwerk dies erreichen kann!

10. Das Vergängliche wird Thema
Ja, wie war das noch gleich mit Vergänglichkeit und Kunst? Und wieso wird es hier so offensichtlich Thema, ansonsten aber weniger? Unsere Institutionen, hauptsächlich Museen, investieren Unsummen in den Erhalt ihrer Sammlungen. Es ist nicht so, dass diese Banane eines der wenigen Kunstwerke wäre, an denen der Zahn der Zeit nagt. Im Gegenteil. Dadurch, dass die Käufer lediglich die Idee gekauft haben, verbunden mit dem Hinweis, sie mögen die Banane regelmässig austauschen, dürfte es eines der unkompliziertesten und im Unterhalt simpelsten Kunstwerke mit Museumsqualität sein. Dieser riesige Ressourcenaufwand der ansonsten betrieben wird, ist gerade in der heutigen Zeit sehr kritisch zu hinterfragen. Tatsächlich ist es auch etwas sehr unnatürliches. Alles verändert sich. Alles vergeht. Alles hat seine Phase der Existenz und es gibt ein davor und danach. Und man kann sich fragen, wie aussagekräftig beispielsweise Arbeiten von Joseph Beuys sind, die zu seinen Lebzeiten nicht von ihm als Person und seiner Anwesenheit, seiner Interaktion mit den Gegenständen zu trennen war. Und heute nur still für sich in den Museen rumstehen. Und schliesslich ist auch hier die Kunst nur ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wir sind Meister darin, erhalten zu wollen und nicht loslassen zu können. Ich stoppe hier meine Ausführungen, aber es ist ein Thema unserer Zeit mit einer hohen Aktualität.

Ein Künstler wie Cattelan ist in Hochform auf der Höhe der Zeit und seine Werke bearbeiten drängende Fragen, die sich uns stellen. 

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Das Bild habe ich selber gemacht. So ähnlich sieht das Originalwerk «Comedian» von Maurizio Cattelan aus.