Artist Statement

Deutsch | 2026

Meine Kunst ist ein fortwährender Abgleich von Modellen und Wirklichkeit. Seit 2016 spaziere ich – durch Städte, Landschaften, Gedanken und Leinwände – und sammle Indizien dafür, wie brüchig, unvollständig und begrenzt unsere Vorstellungen der Welt sind. Wie Darwin auf der Beagle (Darwin, 1859) versuche ich möglichst ohne Urteil wahrzunehmen und zu entdecken. Das Wichtigste ist nicht, was ich zu wissen glaube, sondern was sich mir zeigt, wenn ich genau hinschaue und in die Auseinandersetzung gehe.


Spazieren: Feldstudie des Alltäglichen

Meine künstlerische Praxis folgt einem evolutionären Algorithmus (Mitchell, 1996; Eigen & Schuster, 1979):

  • Mutation Zufallsfunde, ungeplante Begegnungen, Entdeckungen auf dem Weg
  • Selektion Was behalte ich? Was verwerfe ich? Was verfolge ich weiter? Was erweist sich als lehrreich?
  • Vererbung Wie verändern Entdeckungen die nächste Arbeit? Neues baut auf allem Vorherigen auf
  • Populationsdynamik Ich arbeite stets an verschiedenen Arbeiten parallel – wie eine Generation von Individuen im Austausch
  • Fitness-Landschaft Erfolgreiche Anpassung an die Umweltbedingungen entscheidet sich im komplexen Zusammenspiel multipler Faktoren
  • Punktiertes Gleichgewicht (Eldredge & Gould, 1972): Lange Entwicklungs- und Beobachtungsphasen werden durch radikale Neuerungen unterbrochen


Spazierendes Forschen

Meine Methode ist eine nicht-lineare, sie ist «spazierend» – verwandt mit dem, was Deleuze & Guattari (1980) als rhizomatisches Denken beschreiben. Diese künstlerische Herangehensweise ist wissenschaftlich beschreibbar – gemeinsam mit Prof. Dr. Claudia Meier-Magistretti habe ich an der Hochschule Luzern als Künstler ein Modul dazu unterrichtet. Es geht mir dabei um das Erforschen, die Anwendung und ein Sichtbarmachen dieser Vorgehensweise.

1. Nomadisch beginnen
Ich beginne ohne festes Ziel und lasse mich leiten – wie ein guter Spaziergänger.

2. Verbindungen wahrnehmen
Meine Arbeit vernetzt scheinbar Unzusammenhängendes: Fundstücke, Beobachtungen, Zwischenresultate, Entdeckungen, Zufälle. Sie werden zu Knotenpunkten in einem wachsenden Netz.

3. Eingebettet leben
Spazieren und Leben verschmelzen. Ich forsche nicht «über», sondern «mit» – Materialien, PassantInnen, Räumen, Situationen. Ich bin kein distanzierter Beobachter, ich bin Teil des Forschungsfeldes. Und ich akzeptiere Vorläufigkeit.

4. Kontrolle abgeben
Ich untergrabe bewusst meine eigenen Kontrollmechanismen. In der Malerei orchestriere ich Bedingungen, die mich der Kontrolle berauben – durch zeitliche Limitierungen, Zufallsoperationen oder Materialien, die eigenwillige Reaktionen provozieren. Am weitesten treibe ich das in der Serie «Symptoms of Life»: Ich male auf der Rückseite von rohem Leinen, ohne die entstehende Bildseite zu sehen. In der Fotografie setze ich auf serielle Überproduktion, Intuition und Instinkt. Erst in der strengen Nachauswahl kristallisiert sich die Essenz eines Kräftemessens zwischen Kontrolle und Hingabe heraus.

5. Impulsen folgen
Statt Kontrolle priorisiere ich Offenheit für ungeplante Impulse. Sie sind keine Störungen, sondern Mitspieler – sie durchbrechen die Illusion vollständiger künstlerischer Kontrolle. Indem ich sie zulasse, arbeite ich nicht gegen den Prozess, sondern mit seinen Eigenlogiken.

6. Werden, nicht sein
Meine Arbeiten sind keine abgeschlossenen Objekte, sondern Momentaufnahmen in einem steten Fluss. Sie tragen ihre Entstehungsprozesse sichtbar in sich.


Modelle als zentrales Werkzeug

Die Physik hat längst verstanden, dass Newtons Mechanik und Quantentheorie nur unterschiedliche Landkarten derselben Welt sind (Kuhn, 1962). In meinen künstlerischen Prozessen arbeite ich aktiv an und mit meinen eigenen Modellen. Es handelt sich dabei gleichzeitig um ein Abgleichen, Hinterfragen und Erfahren bestehender Vorstellungen sowie um die Erarbeitung neuer Modelle. Nichts davon ist endgültig, sondern stets ein evolutionärer Schritt.

Aus dieser Arbeit entstehen beispielsweise Malereien. Sie tragen nicht nur Spuren dieses Prozesses, sondern sind Expeditionen in sich – und zugleich deren Ergebnis. Fotografische Serien dokumentieren, in systematischen wie in unsystematischen Aspekten, Expeditionen in die Realität. In beiden Medien verbindet sich der dokumentarische Impuls mit einem künstlerisch-ästhetischen Anspruch: Jedes Werk ist gleichermassen Forschungsprotokoll und autonomes Bild.


Silas Kreienbühl (*1983) lebt und arbeitet in Luzern und Berlin. Seine Arbeiten wurden u.a. im Kunstmuseum Luzern, im KKLB (Kunst und Kultur im Landessender Beromünster) oder in der Gruppenausstellung «Totentanz» von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger gezeigt.



Quellen:

  • Darwin, C. (1859): On the Origin of Species. London: John Murray.
  • Deleuze, G. & Guattari, F. (1980): Mille Plateaux. Paris: Minuit.
  • Eldredge, N. & Gould, S.J. (1972): «Punctuated Equilibria». In: Models in Paleobiology (Schopf, Hrsg.), S. 82–115.
  • Eigen, M. & Schuster, P. (1979): The Hypercycle. Berlin: Springer.
  • Kuhn, T. (1962): The Structure of Scientific Revolutions. Chicago: University of Chicago Press.
  • Mitchell, M. (1996): An Introduction to Genetic Algorithms. Cambridge: MIT Press.