«Symptome des Lebens»

2026

Ich male auf der Rückseite von rohem Leinen. Während ich arbeite, sehe ich das Bild nicht – ich sehe nur, was ich auftrage, nicht, was ankommt. Pigment und Bindemittel wandern durch das Gewebe, und das Leinen entscheidet mit: seine Dichte, seine Unregelmässigkeiten, die Menge an Zeit und Wasser.

Weil ich nicht korrigieren kann, muss ich präzise vorbereiten. Meine Arbeit gleicht einer Versuchsanordnung: Ich trage Handschuhe, mische Pigment und Wasser in Bechern zu genauen Verhältnissen, dosiere mit Spritzen, kippe die Leinwand an, damit Farbe dorthin läuft, wohin die Schwerkraft sie zieht. Ich entscheide laufend – aber ohne zu sehen, was meine Entscheidungen auf der anderen Seite bewirken. Und nichts lässt sich zurücknehmen.

Ein Bild entsteht über längere Zeit, in Schichten. Ist eine Schicht getrocknet, wende ich die Leinwand und sehe nach, was geschehen ist. Dann entscheide ich über den nächsten Eingriff – wieder von hinten, wieder ohne Sicht. Es ist der Rhythmus des Experiments: eingreifen, warten, beobachten, wieder eingreifen. Der Moment der Erkenntnis fällt nie mit dem Moment des Machens zusammen.

Der Titel der Serie ist älter als die Bilder. «Symptome des Lebens» nenne ich seit Beginn meiner Spaziergangsforschung, was mir unterwegs begegnet: Alles, was lebt und geschieht, hinterlässt Spuren – Zeichen, Muster, Abdrücke. Die Welt ist voll davon. Meist sind diese Spuren zu komplex, um sie zu entschlüsseln; aber im Prinzip liessen sich aus ihnen Rückschlüsse ziehen, Muster erkennen, vielleicht Gesetzmässigkeiten. Es ist eine ähnliche Bewegung, mit der Wissenschaft aus Beobachtung Erkenntnis gewinnt – Darwin las Schnäbel und Fossilien als Symptome eines Vorgangs, den nie ein Mensch gesehen hat.

Die Bilder dieser Serie drehen diese Beobachtung um: Statt Spuren nur zu lesen, richte ich Bedingungen ein, unter denen sie entstehen. Was auf der Vorderseite erscheint, ist nicht Abbild meiner Absicht, sondern Symptom eines Vorgangs, an dem viele beteiligt sind – das Pigment, das Wasser, das Gewebe, die Schwerkraft, die Zeit und ich. Auf dem Leinen bleiben Inseln aus Farbe zurück: verdichtete Kerne, ausfransende Ränder, Rinnsale, denen die Schwerkraft die Richtung gab – Formen, wie sie sonst wachsen, sickern oder sich ablagern. Die Bilder entstehen durch mich, mit mir und auch ohne mich.

All das gehört zu einer Praxis, die ich seit 2016 «Spazieren» nenne: unterwegs sein ohne festes Ziel, wahrnehmen ohne vorschnelles Urteil, Kontrolle abgeben, um zu entdecken statt zu bestätigen. Spazieren heisst für mich auch: die Modelle in meinem Kopf an der Realität prüfen. Denn auch unsere Vorstellungen sind Modelle – abstrakt, voller Annahmen, nur an wenigen Punkten gemessen. Ein gutes Modell erlaubt Voraussagen; und es weicht immer wieder ab, weil es ein Modell ist und nicht die Realität selbst. Die Symptome sind meine Messpunkte.

Am Ende steht die eigentliche Entscheidung: annehmen oder verwerfen. Nicht jedes Bild besteht. Was bleibt, hat sich in einer Prüfung behauptet, die strenger ist als jede Korrektur – denn korrigieren lässt sich hier nichts.

Die Vorderseite eines Bildes habe ich nie berührt.