«Beobachtungen eines Spaziergängers»

Ein Museum der Zukunft

2018 | Text | Entstanden in der Auseinandersetzung im Rahmen der künstlerischen Forschungsarbeit «Spazieren»

Veränderung
Alles verändert sich ständig. Manches davon etwas langsamer,
als dass wir es direkt sehen können. Doch nichts behält seinen Zustand, seine Eigenschaften oder seine Form bei. Alle Versuche, die unternommen werden etwas zu erhalten, sind mit einem enormen Ressourcenaufwand verbunden. Zeitlich oder finanziell zum Beispiel. Zudem wirken sie nur abschwächend und verzögernd. Sobald diese Bemühungen aussetzen, setzt sich das Unaufhaltsame in seinem natürlichen Rhythmus fort. (Sonne, Licht/Schatten, Spiegelungen / Plastik, das spröde wird, Farben die verblassen, …)

Anpassung
Resignation bedeutet Tod. Alles was weiter existiert, findet in jeder Situation eine Lösung. Dabei ist nicht die Frage, ob die Situation ideale Bedingungen bietet, sondern wie man sich dafür anpassen muss. Je cleverer man seine Stärken dafür einsetzen kann, desto grösser die Chancen auf Erfolg. Sogar die widrigsten Umstände scheinen kein Hindernis zu sein. (Löwenzahn, das in Asphaltspalt wächst / Bäume die ihre Äste/Blätter in die Sonne auffächern und die Sonneneinstrahlungsfläche total ausnutzen)

Urteilslosigkeit / keine Wertung
Die Sonne scheint auf alles, was nicht im Schatten liegt. Der Regen fällt auf alles, was nicht im Trockenen ist. Und der Wind erreicht alles, was nicht vor ihm geschützt ist. Mit moralischen oder ethischen Fragen hat das nichts zu tun. In den Genuss der Segnungen der Natur kommt alles, was sich nach dessen Gesetzmässigkeiten richtet. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Entweder man befindet sich im Moment
in welchem die Sonne scheint in der Sonne, oder nicht. Das bedeutet unter anderem, dass es immer Möglichkeiten und eine neue Chance oder Gelegenheit gibt. (Sonne scheint auf einen Plastiksack genauso, wie auf einen Baum oder eine Blume. Der Sonne ist das egal. Sie ist grosszügig und bedingungslos. Aber sie ist natürlich auch an Gesetzmässigkeiten gebunden, hat Möglichkeiten und Begrenzungen. Siehe Text «Der Plastiksack»)

Harmonie ist Einstellungssache / Abhängig von der Perspektive
Harmonisches, schönes, erfreuliches kann fast überall und immer gefunden werden. Entscheidend ist, ob man selber beweglich ist. Wenn alle anderen Parameter gegeben sind, kann man selber das sich Verändernde Element sein, um die entsprechende Perspektive zu erreichen. (Sinnbild: Kamera. Man muss sich bewegen, zoomen, Einstellungen vornehmen, bis man das Bild findet.)

Konstruktive Haltung
Alles was überlebt, zeichnet sich durch eine konstruktive
Haltung aus. Das Motto scheint zu sein, die Umstände und die Umgebung zu ermitteln, zu akzeptieren und für den Moment als gegeben anzunehmen. Und dann die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten voll einzusetzen. Mit dem Ziel, das Potential dieser Konstellation bestmöglich zu nutzen. Auf dieser Basis kann man aufbauen, die eigene Existenz weiterentwickeln und wachsen. Dieser Punkt hängt teilweise mit dem Punkt «Anpassung» zusammen. (Samen der durch die Luft fliegt, irgendwo landet und aus dem dann später eine Blume oder ein Baum wird. Irgendwo, scheinbar zufällig.)

Realitäten sind individuell
An den selben Orten und zur selben Zeit unterscheiden sich die Wahrnehmungen und Sichtweisen erheblich. Leben findet an den selben Orten und zu den selben Zeiten auf völlig unterschiedliche Art und Weise statt. Einerseits relativiert dies alles. Andererseits eröffnet es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Haltungen und Ansichten können auch korrigiert oder verändert werden, wenn sie nicht dienlich sind.

Zeit ist Veränderung und Zeit ist individuell.
Alles verändert sich in seinem eigenen Tempo und aufgrund seiner Eigenschaften. In dem Masse wird auch die Zeit individuell empfunden. (Der Gummi eines Pneus verändert sich in einem anderen Tempo als z.B. ein Blatt eines Baumes.)

Zerfall / Veränderung
Zerfall ist eine Meinung, eine bestimmte Perspektive. Aus einer ganzheitlicheren Sicht handelt es sich einfach um Veränderung.

Alles scheint im Überfluss vorhanden zu sein. / Auflösung
Egal womit ich mich beschäftige oder was ich auf Spaziergängen angefangen habe zu beobachten, je mehr ich mich damit befasst habe, desto mehr davon habe ich gesehen oder entdeckt. Je mehr ich mich damit auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich darüber gelernt und desto weiter bin ich vorgedrungen. Bis jetzt habe ich kein Ende gefunden. In der Konsequenz dürfte in einem expandierenden, evolutionären Universum auch keines zu finden sein. Oder anders gesagt: Im Unterschied zu unseren Modellen und Vorstellungen ist das Universum extrem hoch aufgelöst. Es lässt sich beliebig genau hinschauen und scheint immer noch kleinere Teile zu liefern (Vergleiche auch: Atome, Elektronen, Neutronen, Higgs-Teilchen … «Eine Kurze Geschichte der Zeit», Steven Hawking …)

Je mehr Spuren sichtbar sind, desto interessanter und spannender ist etwas
.
Die Zeit, die Elemente und die Einflüsse von Mensch, Tier und anderen Lebewesen hinterlassen Spuren. Diese Spuren machen etwas erst interessant. Das ist nichts, was künstlich herbeigeführt werden kann. Auch deshalb sind sie sehr wertvoll. Was der Mensch imstande ist zu bauen und zu entwickeln, ist so gesehen sehr beschränkt und ist immer das Resultat von Annahmen und Vorstellungen. Die sind im Verhältnis zur ganzen Fülle, die das Leben mit sich bringt, sehr beschränkt. Unsere Vorstellungen kollidieren immer mit dem Leben, sei es in immaterieller oder materieller Form (z.B. als Gebäude). Je mehr wir sie davor schützen, desto uninteressanter scheinen sie zu werden.

Das Leben an sich ist bunt, vielfältig, dynamisch und es gibt dabei keinen Anführer oder Chef per se.
Natürlich gibt es gewisse Gegebenheiten und Gesetzmässigkeiten. Wie wir aber beim Punkt «Urteilslosigkeit / keine Wertung» gesehen haben, sind die unpersönlich und unparteiisch. Es scheint aber ein Kräftemessen zwischen verschiedenen Ideen, Modellen oder Interessen zu geben
und im Laufe der Zeit setzen sich die einen durch und andere verschwinden. Dabei kann die Durchsetzung begünstigt werden. Garantiert, vorausgesagt oder bestimmt werden kann sie aber nicht. Dabei scheinen alle Mittel möglich und erlaubt zu sein. Beliebt ist insbesondere das Behaupten, die eigene Sache habe sich bereits durchgesetzt oder werde sich aus einem bestimmten Grund sicher durchsetzen. Trotzdem bleibt dies nur der Versuch einer Begünstigung.

Kopf oder Aussenwelt
Mehr im eigenen Kopf zu sein scheint zu bedeuten, weniger in der Aussenwelt zu sein und umgekehrt. (Siehe Text «Weisse Landkarten»)

Es gibt Tage an denen ich überall tolle Bilder sehe. An anderen nicht.

Also muss, was ich sehe, vor allem mit mir selber zu tun haben. Mit meiner Laune, meiner Einstellung, meiner Sichtweise, meinen Gedanken und meiner Verfassung. Oder auch mit wem ich zusammen unterwegs bin, was wir uns vorgenommen haben, welchen Bedingungen wir uns verschrieben haben und worüber wir uns unterhalten. Möglicherweise gilt dies nicht nur für Spaziergänge, sondern auch für andere Bereiche des Lebens. Vielleicht sogar für Alles.

Alles ist immer wieder neu
Natürlich neige ich dazu, schon einmal Gemachtes in
Form der dabei entstandenen Erlebnisse, Erfahrungen und Wahrnehmungen abzuspeichern. Und natürlich ist das in gewissen Situationen ein sehr hilfreiches Verhalten. Doch eigentlich ist dies keine notwendige Methode, sie ist höchstens hinreichend. Denn die gegenteilige Erfahrung ist ganz offensichtlich beim Spazieren: Ich kann auf der immer selben Strecke immer wieder ganz Neues entdecken. Die Frage ist, ob ich mich darauf einlasse oder nicht. Offensichtlich verändern sich von Spaziergang zu Spaziergang ganz viele Parameter erheblich. Beispielsweise das Wetter, das Licht, Geräusche. Aber auch ich selber bin keineswegs ein konstanter Fixpunkt in diesem System. Und offensichtlich habe ich auch niemals die Möglichkeit alles aufzunehmen und zu verarbeiten, was an potentiellen Reizen
für meine Sinne vorhanden ist. Wenn ich allerdings bei einem Folgespaziergang auf der selben Route nichts oder wenig
Neues entdecke, bedeutet dies ganz einfach, dass ich eigentlich anstelle von in der Aussenwelt, in den eigenen Erinnerungen, in den eigenen Synapsen [Noch genauer erforschen: Neurologie] spaziere. Wie ich zur Zeit vermute, lässt sich dies als Analogie für fast alles im Leben verwenden.
Übrigens ist auch immer wieder die Feststellung erstaunlich, wie sehr sich meine Erinnerungen von der Realität unterscheiden können. Ich hab mir z.B. oft viel weniger gemerkt, als ich dachte. Und Distanzen, Farben oder Begebenheiten sind ganz anders, als in meinem Kopf. Dies führt mich zum nächsten Punkt.

Sich einen Spaziergang vorzustellen ist etwas völlig anderes,
als ihn wirklich zu machen. (oder: Es ist nicht absehbar, was auf einem Spaziergang alles auftauchen wird)
Vielleicht mag das wie eine Binsenwahrheit klingen. Doch ich falle ständig wieder darauf hinein. Natürlich bin ich gelegentlich auf meinen Verstand angewiesen, um gewisse Situationen im Voraus abzuschätzen und z.B. ein mögliches Risiko zu kalkulieren. Doch oft erwische ich mich dabei, wie ich mir schon vorher überlege, was wir auf einem Spaziergang wohl reden werden oder wohin wir gehen. Wenn es heiss ist, frage ich mich, wo werden wir etwas trinken können? Wenn ich es aber genauer betrachte, sind solche Überlegungen höchst unlogisch und eine dumme Angewohnheit. Denn natürlich ist es unmöglich für mich zu wissen, worüber
wir reden werden und was der andere sagen wird. Wenn ich es weiss, dann bedeutet das ganz einfach, dass ich mich zeitlich NACH dem Ereignis befinde. Ich habe es schon erlebt. Die
Zukunft entfaltet sich meiner Beobachtung nach mit einer hohen Dynamik. Je mehr ich im gegenwärtigen Moment mit dabei sein kann, desto mehr kriege ich davon mit und desto bewusster kann ich mitgestalten, was gerade passiert. Und interessanterweise scheint die Tatsache, dass ich gerade einer bestimmten Situation ausgesetzt bin, ganz andere Kräfte, Fähigkeiten und Instinkte zu aktivieren, als wenn ich mir etwas nur vorstelle. Wenn ich also den Mut habe mich darauf einzulassen, nicht zu wissen, wie sich eine Situation entwickeln oder zu welchem Resultat sie führen wird, dann bleibt mir rückblickend oft nur staunen und lächeln. Für mich habe ich daraus gelernt, immer mehr aus dem Moment heraus zu entscheiden und zu machen. Meiner Erfahrung nach liegt darin eine enorme Kraft.

Ein Spaziergang ist immer eine gute Idee
Noch nie habe ich es bereut, einen Spaziergang unternommen zu haben.

Alles was einem auf einem Spaziergang passiert oder begegnet, gehört dazu.
Von dem Moment an, an dem ich losgehe, bis ich den Spaziergang beende, ist alles Teil des Spaziergangs. Auf diese Weise muss der Spaziergang definiert werden. Er kann gar nicht unterbrochen, etwas falsches gemacht, gesagt oder gedacht werden. Die Erfahrung wird viel spannender und reichhaltiger, wenn ich alles zulasse. Es geht sogar noch weiter. Sobald ich verschiedene Erfahrungen mit Spaziergängen gesammelt hatte, konnte ich beobachten, dass da alles zusammen hing. Was ich sah, hatte z.B. Einfluss darauf, was ich dachte. Was ich dachte, bestimmte die Themen, über die ich mit meinen Begleiterinnen und Begleitern redete. Und dies wiederum beeinflusste, was wir sahen, entdeckten und wohin wir gingen. Es ist also sogar aus rein praktischen Gründen angebracht, mit einem Spaziergang so umzugehen. Denn es ist eigentlich sowieso unmöglich, diese Dinge voneinander zu trennen. Hätte man die Müllers nicht getroffen und kurz mit ihnen was getrunken, wäre der Spaziergang ganz anders verlaufen. Oft glaube ich in meinem Leben genau diese Gesetzmässigkeit auch zu erkennen.

Staunen
Für mich ist spazieren in vielen Fällen staunen. Entweder gehe ich bereits mit dieser Haltung los, oder das Staunen setzt im Laufe
des Spazierganges ein.

Spazieren ist unglaublich befriedigend
Seit ich gelernt habe bewusst zu spazieren und alles was dabei geschieht zuzulassen, finde ich das sehr erfüllend. Immer entdecke ich mehr, als ich erwartet habe. Immer lerne ich etwas, was ich vorher noch nicht wusste. Immer sehe ich Dinge, die ich noch nicht gesehen hatte. Immer wird mir etwas bewusst, was mir noch nicht bewusst war. Immer finde ich Bilder (entweder
als Fotografie oder in meinem Kopf), die neu für mich sind. Diese Mitbringsel sind meine Schätze. Und sie erfüllen mich mit Freude. Die meisten davon sind persönlich und ich werde sie vielleicht nie mit jemandem teilen können. Andere wiederum tragen sehr wohl zu wertvolleren, zwischenmenschlichen Beziehungen bei. In jedem Fall handelt es sich um etwas, was ICH gefunden habe, was MIR SELBER klar geworden ist oder was aus MEINER persönlichen Perspektive Sinn macht oder schön ist. Und dieses aus-sich-selbst schöpferisch-sein ist unglaublich befriedigend.

Die schönsten Bilder sind nie fotografiert worden
Ich sehe viel mehr interessantes, spannendes, harmonisches
und anregendes, als ich jemals fotografieren könnte. Tatsächlich eignen sich die allerwenigsten Entdeckungen dazu, fotografisch abgebildet zu werden. Denn bei der Fotografie handelt es sich um ein sehr beschränktes Medium. Es hat seine Stärken, aber auch viele Begrenzungen. Unsere Sinne haben, vor allem auch in der Kombination mit den Fähigkeiten unseres Gehirns, so viel mehr Möglichkeiten. Und so habe ich mir auf meine Spaziergängen angewöhnt, einfach kurz zu lächeln wenn ich ein tolles Bild entdeckt habe, von dem mir aber klar ist, dass ich es niemals physisch abbilden kann.

Diese Liste endet hier nicht. Jedes Mal wenn ich in irgendeiner Form spaziere und mich gedanklich oder buchstäblich in Bewegung setze, wächst sie weiter. Bevor ich nicht anderweitige Hinweise entdecke, bleibe ich bei der Vermutung, dass sie sich endlos weiterführen lässt. Begrenzt wird sie bis jetzt einzig durch die Zeit, die mir zum Befassen mit der Thematik zur Verfügung steht.